Seit der Sterilisation fühlt sich mein Körper endlich nach mir an
Wenn mich andere in drei Bildern verstehen wollen, dann so: Auf dem ersten Bild würde man mich beim Schreiben sehen, mit Rockmusik im Hintergrund. Das Schreiben ist nicht nur mein Job als Redakteurin, sondern auch meine größte Leidenschaft, mein Ventil und mein Weg, meine Gefühle und Gedanken zu sortieren. Das zweite Bild würde mich beim Fallschirmspringen zeigen. Ich liebe Action, ich liebe Adrenalin, Höhe und Weite. Das ist zwar nicht alltäglich, aber hin und wieder brauche ich solche Aktionen, denn sie hinterlassen ein unvergleichliches Gefühl der Lebendigkeit. Das dritte Bild würde mich und meinen Chihuahua Billie Joe beim Spazierengehen zeigen. Der kleine Spinner ist mein treuer Begleiter in allen Lebenslagen. Und genauso wie ich Action liebe, genieße ich ruhige Momente auf dem Sofa mit ihm und lange Spaziergänge in der stillen Natur.
So doof es auch klingen mag, aber mein Bauchgefühl führt mich immer wieder mitten ins Leben mit all seinen Facetten und eben zu der ehrlichsten Version von mir selbst. Ich musste viele Jahre lernen, mich stärker auf meine Intuition zu verlassen als auf meinen Verstand. Denn der Verstand will es logisch, sicher und kontrolliert. Das verspricht zwar ein Leben ohne Risiko. Aber das wollte ich nicht. Ich wollte ein lebendiges Leben – mit Chaos, Abenteuern und Ungewissheit. Ein Leben nach Bauchgefühl ist nicht einfach, kann schmerzhaft und überwältigend sein. Aber es ist frei und authentisch.
Diese Intuition hilft mir auch, Grenzen zu setzen und Nein zu sagen. Zu allen möglichen Dingen – ob ein Nein zu einer beruflichen Chance oder Nein zu einem Angebot, was mir mein Internetanbieter andrehen wollte. Ich neige leider auch zum People Pleasing und lerne, mich erst gar nicht bequatschen zu lassen, wenn ich auf etwas keinen Bock hab oder keine Zeit. Ich nehme mich und meine Grenzen und Bedürfnisse immer ernster und von Nein zu Nein werde ich entspannter, auch wenn ich öfter mal in verdutzte Gesichter gucke.
Besonders deutlich wurde mir das bei meiner monatlichen Angst vor einer Schwangerschaft. Dass mein Leben letztendlich etwas unterworfen war, an was ich kein Interesse hatte. Und irgendwann hab ich gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann. Es war so, als würde ich jeden Monat dem Staubsaugervertreter die Tür aufmachen, obwohl ich null Interesse an einem Staubsauger hab. Mir ist klar geworden, dass ich nicht mit einer wiederkehrenden Angst leben möchte, die sich um etwas dreht, was in meinem Leben keine Rolle spielt.
Der Knaller war aber meine Frauenärztin. Sie meinte ernsthaft "Ach, wenn der richtige Mann kommt, dann wollen Sie auch Kinder", nachdem ich das Thema Sterilisation angesprochen hatte. Ich war im ersten Moment total baff und sprachlos und habe mit einem riesigen Fragezeichen die Praxis verlassen. Im Nachhinein habe ich mich unfassbar doll geärgert, dass ich nicht schlagfertig war und keinen Konter gegeben habe. Als ich nach dem Termin wieder zuhause war, wurde mir erst so richtig bewusst, wie unfassbar scheiße, dreist und übergriffig diese Aussage war. Könnte mich immer noch darüber aufregen, dass eine Fachärztin nicht in der Lage war, Neutralität zu bewahren. Dieses Männer-Thema kotzt mich so derbe an. „Wenn der Richtige kommt“, blabla. Ja genau, dann ändern sich plötzlich all meine Überzeugungen, Bedürfnisse und Wünsche. Hatte außerdem schon den ein oder anderen „Richtigen“ Partner. Kinderwunsch? Trotzdem Fehlanzeige. Komisch, seit der Sterilisation rechtfertige ich mich gar nicht mehr – es fragt aber auch keiner mehr. Und das ist wahnsinnig entspannend. Ich glaube, dieser Schritt war nicht nur mein eigenes Statement, sondern auch ein klares Signal nach außen: „Oh, die meint es ernst“.
Auch viele Sprüche aus meinem Umfeld haben mich immer mal wieder getroffen. Am schlimmsten fand ich die Aussage, dass andere Frauen einen Kinderwunsch haben, aber aus irgendwelchen Gründen keine Kinder bekommen können und dass ich mir freiwillig diese Möglichkeit nehme. Einfach nur übel und gemein. Als ob es meine Schuld oder Verantwortung wäre, wenn andere Frauen kinderlos bleiben. Oder als ob ich Kinder bekommen müsste, als Ausgleich für jene, die es nicht können. Verstehe nicht, wie manche Leute so undifferenziert sein können. Ich glaube, Menschen, die einen mit ihren eigenen Wünschen und Überzeugungen bekehren wollen, haben wahrscheinlich irgendeinen Mangel, sind mit ihrem eigenen Leben unzufrieden oder scheinen sich angegriffen zu fühlen, wenn Frauen ihren selbstbestimmten Weg gehen.
Heute fühlt sich mein Körper anders an. Ich fühle mich körperlich befreit und mir selbst wieder viel näher. Endlich keine ätzenden, teuren, schmerzhaften Verhütungsmittel mehr, die mein Körpergefühl verwässern. Es klingt so paradox, aber seit der Sterilisation fühle ich mich vollständig, als ob mein Körper erst jetzt mit meiner Seele harmoniert sozusagen. Aus irgendwelchen Gründen fühle ich mich seitdem auch selbstbewusster, fühl mich in meinem Körper wohler und bin endlich diese nervige Angst los, schwanger werden zu können.
Und ich zeige inzwischen alle Seiten von mir – auch die dunklen. Mittlerweile zeige ich alles. Ich habe mich auch viele Jahre damit schwergetan, die dunklen Seiten zu zeigen. Die Krisen, die psychisch schlechten Phasen, die Rückschläge, Trauer, Schmerz und Angst. Aber all das gehört zu mir und ich habe keine Scheu mehr, darüber zu sprechen. Denn solche Themen verbinden, machen nahbar. Das Leben ist nicht immer sonnig, sondern manchmal eine beschissene Höhle mit verschüttetem Zugang. Aber es gibt immer einen Weg heraus – wenn man sich selbst und seinem Gefühl vertraut.