Ich liebe meine Kinder so sehr, dass ich sie niemals bekommen werde.
Wenn mich andere in drei Bildern verstehen wollen, dann beginnt alles mit meiner Hündin Arti. Das erste Mal, als ich Arti gesehen habe, sind meine Mama und ich über vier Stunden nach Hessen gefahren. Ich war schon sehr müde und etwas emotional. Ich hatte mein Abi gerade in der Tasche – ich wusste, in ein paar Monaten fange ich an zu studieren und dann wird sich erstmal alles verändern. Und dann sehe ich diese vielen kleinen Fellknäuel: Viele der kleinen Rüden haben sich sofort auf mich gestürzt. Während meine Mama mit den Besitzern gesprochen hat, war ich mit den Welpen beschäftigt. Und dann war da diese kleine Hündin, nicht ganz schüchtern, aber auch nicht so stürmisch wie ihre Geschwister. Deshalb hat sie ihren Namen bereits auch nach dem ersten Besuch bekommen: Artemis, die auch als Schutzpatronin der Frauen gilt, wurde an dem Tag zu meiner Schutzpatronin. Und seitdem ist eigentlich alles ein einziges Abenteuer. Man weiß nie, vor welchen Dingen diese dreißig Kilo Hündin als Nächstes Angst hat. Mal sind es irgendwelche Statuen, manchmal aber auch ein komischer Boden.
Neben Arti ist mein kreatives Leben ein weiterer großer Teil von mir: Malen, Sticken, Lesen. Ich habe mir dieses Jahr die Challenge gestellt, nach jedem Buch, das ich gelesen habe, ein passendes Symbol auf einen Pullover zu sticken. Zum Zeitpunkt dieser Zeilen bin ich dabei, mein siebzehntes Buch dieses Jahr zu lesen – für meine Verhältnisse ist das übrigens noch nicht mal viel. So nehme ich in meinem Instagram-Account @read.stich.repeat alle auf dieser Reise mit: erst mit einer Review und dann mit dem gestickten Ergebnis.
Projekte wie diese machen mir nicht nur Spaß, sondern geben mir auch eine gewisse Kraft. Woher ich aber meine Superkraft nehme, liegt tief in meiner Geschichte: Schon in jungen Jahren hatte ich mit psychischen Kämpfen zu kämpfen und habe trotzdem die Schule und später das Studium durchgezogen. Ich glaube, diese Superkraft ist eine beinahe perfekte Mischung aus Angst zu versagen und einem riesigen Ego. So komisch das klingt: Auch in meinen dunkelsten Tagen, in den Momenten, in denen einige Stellen an meinem Körper noch bluteten, war es nie eine Option, nicht weiterzumachen. Zuerst war es die Schule, dann der Bachelor, dann der Master, jetzt der Doktor. Meine Ziele sind sehr ambitioniert und der Druck enorm, aber unter Druck werden schließlich auch Diamanten gepresst und genau das möchte ich sein. Ich möchte die Frau in meiner Familie sein, die eben die Wahl hat. Die, die die Bildung bekommt, die sie ausüben und aushalten kann. Ich möchte dafür arbeiten, dass meine Mama das nicht durfte, weil sie einen Mann an ihrer „Seite“ hatte, der sie nie wirklich wollte. Ich möchte so viel lernen, wie es geht, weil mein Opa nie die Chance auf Bildung hatte – sei es, weil er seine Schwestern ernähren musste oder aus einem Regime flüchtete. Somit hole ich meine Superkraft aus meinen Vorfahren: Daraus, mein Privileg zu sehen, dass ich die Wahl habe.
Genau diese Erfahrung macht für mich auch klar, dass es kein „zu jung“ für echte Entscheidungen gibt. Mein 19-jähriges Ich hat bereits drei Semester studiert, fünf Monate in London gelebt, eine schwerkranke Mutter wieder aufgepäppelt und beobachtet gerade, wie ihr Opa, der liebste Mensch auf ihrer Erde und ihr Seelenverwandter, vor ihren Augen stirbt. Mein 19-jähriges Ich hat bereits mehr Entscheidungen getroffen, als es für jemanden in diesem Alter normal sein sollte: Die Entscheidung, jedes Mal wieder ins Krankenhaus zu gehen und seine liebsten Menschen mit seinem ersten und letzten Willen zu versorgen und zu betreuen. Die Entscheidung, einen Hund zu adoptieren – ein Commitment für hoffentlich mehr als zehn Jahre. Die Entscheidung, in Therapie zu gehen, um an allem zu arbeiten, was schon früh in ihr kaputtgegangen ist. Und noch vieles mehr.
Mit 19 wusste ich bereits mehr über Tod und Krankheiten als viele, die deutlich älter sind. Ich kannte die Pflege von Angehörigen, das mühsame Wiedererlernen von Sprache nach einem Schlaganfall. Ich wurde zum Chauffeur meiner Familie, weil sonst niemand mehr fahren konnte. Und ich habe erlebt, wie es ist, ein Kind von Menschen zu sein, die krank sind. Von Menschen, die alles geben, um das Leben zusammenzuhalten und trotzdem daran scheitern, das Schlimmste aufzuhalten. Diese Erfahrungen haben mich geprägt. Ich habe mich intensiv mit Kindern, mit Finanzen, mit Bildung auseinandergesetzt und irgendwann verstanden: Mit meinen Genen, mit dieser tiefen Angst, dass mein eigenes Kind das Gleiche durchleben müsste, wäre es für mich egoistisch, ein Kind in die Welt zu setzen. Als Frau trägst du alle deine Eizellen von Geburt an in dir. Sie warten nur darauf, befruchtet zu werden. Ich liebe meine Kinder so sehr, dass ich sie niemals bekommen werde.
Und dann kam der Moment, in dem die Angst endete und die Freiheit begann, als ich mich mit 19 Jahren sterilisieren ließ. Für mich war einer der ersten Gedanken: Ich kann endlich leben, wie ich möchte. Denn was für mich am schlimmsten war, war die Angst, nach Intimität schwanger zu werden oder durch eine Vergewaltigung ein Kind austragen zu müssen. Also habe ich erstmal durchgeatmet und gemerkt, dass jetzt mein Leben beginnt. Und tatsächlich habe ich das mehr als nur in die Tat umgesetzt, denn genau einen Tag nach meiner Sterilisation war eine Party an meiner Uni, ein legendäres Beerpong-Turnier. Ja, ich habe mich in Schale geworfen und kam mit meinem besten Freund ins Halbfinale. Und irgendwie war das der perfekte Tag. Ich habe mich gefeiert und den Startschuss für mein neues, freies Leben gegeben.
Natürlich gab es in dieser Zeit auch Sprüche, die mich sehr verletzt haben, zum Beispiel, dass es egoistisch sei, denn man müsse doch an die armen Frauen denken, die keine Kinder bekommen können. Oft saß ich dann wirklich sprachlos da. Denn was kann ich denn dafür? Es ist nicht meine Verantwortung, dass andere Frauen einen Kinderwunsch haben und sich dieser nicht erfüllen kann. Das ist wahrlich grauenhaft, aber auf gut Deutsch gesagt: nicht mein Problem. Das habe ich auch oft gesagt, denn ab irgendeinem Punkt wurde ich wütend. Dass man mich immer noch anzweifelt, zeigt, dass das Mindset einiger Menschen irgendwo in den 1940ern hängengeblieben ist.
Nach der OP ist mir erst einmal aufgefallen, dass ich keine Schwangerschaftsalbträume mehr habe und dass ich in Dates offener hereingehe und auf Partys nicht mehr so ängstlich und verkrampft war. Ich war beinahe überall freier, und das hat mir tatsächlich sehr viel Selbstbewusstsein gegeben. Nein sagen fällt mir zwar immer noch super schwer, aber ich versuche, meine Haltung mehr zu bewahren und meinen Wert zu kennen. Sei es in Freundschaften oder in der Arbeit – ich weiß, was ich kann und wer ich bin. Wenn ein Mensch oder ein Job nicht passt, dann ist das so. Und ich sage Nein zu mir. So doof das klingt, sage ich Nein zu negativen Gedanken, Nein zu Ernährungseinschränkungen und Nein dazu, jemand zu sein, der ich nicht bin.
Aber es gibt auch Teile von mir, die ich manchmal nicht zeige – etwa auf Instagram. Meine Wut zum Beispiel, diese brodelnde Lava, die wahrscheinlich von Jahrhundert zu Jahrhundert bis zu mir weitergegeben wurde. Die schnell wechselnden Emotionen des Borderline und die Hypersensibilität. Nicht direkt unschöne Dinge, eher etwas, das nicht weiß, wie es heraus soll. Ich nutze Social Media gerne als eine Art Tagebuch, aber vielleicht ein zensiertes. Die Menschen sollen ja nicht direkt weglaufen, wenn sie merken, dass unter dem Academic Weapon mit Hang zum Groupie-Sein eigentlich Klein Marie steckt, die vor allem Angst hat.