Ich wollte keine Erlaubnis. Ich wollte Selbstbestimmung.

Wenn ich in den Spiegel schaue und über Sterilisation und Selbstbestimmung nachdenke, sehe ich vor allem eines: eine Frau, die sich nicht hat aufhalten lassen. Das Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen, darf gerade an dieser Stelle nicht eingeschränkt werden. Für mich war eine ungewollte Schwangerschaft immer die absolute Horrorvorstellung – selbst wenn ich wusste, welchen Weg ich im Fall der Fälle gehen würde. Ich wollte ihn schlicht nie gehen müssen.

Ich sehe eine Frau, die immer klar in ihrem Willen war. Die sich nicht von „Obrigkeiten“ in weißen Kitteln davon abbringen ließ, das durchzuziehen, was sie für ihr Leben als richtig erkannt hat.

Als ich Anfang 20 zum ersten Mal von der Möglichkeit einer Sterilisation erfahren habe, traf es mich wie ein Blitz. Ja, genau das ist es! Keine Hormone mehr, keine Nebenwirkungen, keine schmerzhaften Implantate, keine Angst vor Kondom-Pannen. Es fühlte sich sofort logisch, richtig, befreiend an.

Dass Gynäkolog:innen das nicht unbedingt genauso genial finden, vor allem bei kinderfreien Frauen Anfang 20, wusste ich damals noch nicht. In der Broschüre stand nichts davon, dass man ausgelacht oder belächelt werden könnte. Warum ich teilweise nicht ernst genommen wurde, kann ich nur vermuten. Vielleicht war es Überheblichkeit, vielleicht dieses unausgesprochene: „Sie wird ihre Meinung schon noch ändern.“ Als wäre meine Klarheit eine Phase oder als könnte ich mein eigenes Leben nicht einschätzen.

Ich habe nicht diskutiert. Ich habe mich damals nicht getraut, nachzufragen oder zu konfrontieren. Aber innerlich wusste ich immer: Ich weiß sehr genau, was ich will.

Mein Weg zur Sterilisation dauerte fast zehn Jahre. Zehn Jahre, in denen das Thema in Wellen immer wieder mit voller Wucht zurückkam. Jedes Mal mit Hoffnung und jedes Mal mit Enttäuschung, Ablehnung und Bevormundung. Mit jedem Rückschlag wurde meine Wut größer, aber auch meine Entschlossenheit. Rein rechtlich durfte mir dieser Eingriff nicht verwehrt werden. Praktisch wurde er mir dennoch verwehrt. Und ich hatte keine Instanz, bei der ich mich sinnvoll hätte beschweren können. Dieses Gefühl der Ohnmacht war schwer auszuhalten.

Als ich schließlich vom Verein Selbstbestimmt steril e.V. erfahren habe und direkt eine Praxis in meiner Nähe fand, war ich euphorisch wie selten zuvor. Ich wäre am liebsten am selben Tag hingefahren. Es dauerte noch sechs Wochen, bis ich meinen OP-Termin bekam. 2021 war das mit Terminen aufgrund von Corona kompliziert, aber ich war mir selten einer Entscheidung so sicher gewesen. Die Klarheit war all die Jahre da. In meinem Kopf geht es oft chaotisch zu, laut, voller paralleler Gedanken. Aber in dieser Frage gab es nie Chaos, nur Klarheit und das ganze zehn Jahre lang.

Auch im Berufsleben war meine Kinderfreiheit nie ein Tabuthema für mich. In einem Bewerbungsgespräch habe ich ganz bewusst gesagt, dass meine Kinderplanung abgeschlossen ist. Nicht aus Trotz, sondern aus Strategie. Die Stelle verlangte Reisebereitschaft und flexible Arbeitszeiten und als kinderfreie Person kann ich das uneingeschränkt leisten. Ich wollte das transparent machen. Mir war klar, dass man mich offiziell nicht danach fragen darf. Gleichzeitig weiß ich, wie relevant solche Informationen in kleinen Teams sein können.

Mein Gegenüber reagierte neutral, keine Nachfragen. Später, als ich die Stelle bekam, sagten mir Kolleg:innen, sie hätten meine Offenheit beeindruckend gefunden. Für mich war es selbstverständlich.

Leise werde ich selten. Meistens werde ich laut – besonders wenn es um die Rolle von Müttern, um Erwartungen an Frauen oder um sexuelle Selbstbestimmung geht. Da brodelt es in mir. Ich kann Ungerechtigkeit schlecht aushalten. Leise werde ich allerdings, wenn ich Mütter höre, die sich ihr Leben ganz anders vorgestellt haben. Die erschöpft sind, überfordert und die sich fragen, wie sie das alles durchhalten sollen. Dann wird es still in mir und auch wenn ich daran denke, welche Wege Frauen schon gegangen sind, welche Rechte sie sich hart erkämpft haben. Wie oft sie dennoch an alten Rollenzuschreibungen scheitern. Wobei… wenn ich ehrlich bin, nach der leisen Phase kommt meistens wieder die Wut und dann werde ich doch wieder laut.

Ich vermisse keine Eigenschaft, die man typischerweise an Müttern bewundert. Mein Umfeld reduziert mich nicht auf meine Kinderfreiheit. Im Gegenteil: Freund:innen vertrauen mir ihre Kinder blind an und das ist für mich das größte Kompliment überhaupt. Denn es gibt nichts Wertvolleres im Leben eines Menschen als das eigene Kind. Wenn jemand mir dieses Vertrauen schenkt, sagt das mehr über meine Fähigkeit zur Verantwortung aus als jedes gesellschaftliche Etikett.

Ich bin Bildungs- und Sexualwissenschaftlerin und ich bin überzeugt davon, dass über Sterilisation viel zu wenig gesprochen wird. Vor allem auf medizinischer Ebene braucht es eine ehrlichere, breitere Debatte. Warum dürfen Ärzt:innen bei einer so persönlichen Entscheidung „Gott spielen“? Warum darf die eigene Befindlichkeit darüber entscheiden, ob ein Eingriff durchgeführt wird, obwohl medizinisch nichts dagegen spricht und eine Frau bei klarem Verstand und mit klarer Haltung diese Entscheidung trifft? Ich habe immer daran geglaubt, dass ich meinen Weg gehen kann und ich bin ihn gegangen.

Wenn dieses Portrait mit einem Satz enden sollte: She believed she could, so she did.

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Für mich ist Mutterschaft kein Traum.