Für mich ist Mutterschaft kein Traum.

Ich wusste schon immer, dass ich keine Kinder haben möchte und daran habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gezweifelt. Schon als kleines Mädchen habe ich nur wenig mit Babypuppen gespielt, sondern lieber meine Kuscheltiere im Puppenwagen durch die Gegend gefahren. Auch für Autos habe ich mich immer sehr begeistert und schließlich eine Ausbildung zur Automobilkauffrau gemacht. Die Kuscheltiere haben sich mittlerweile in echte Tiere verwandelt, ich engagiere mich viel im Tierschutz und bin schon mein halbes Leben Vegetarierin. Tiere liegen mir sehr am Herzen. Eigene Kinder jedoch nicht und ich konnte mit Kindern auch noch nie viel anfangen.

Für mich bedeuten sie Einschränkung, viel Lärm, lebenslange Verantwortung, viel Arbeit, Schmerz sowohl im körperlichen als auch im seelischen Sinne und eine Veränderung meines Körpers für den ich soviel tue. Natürlich habe ich mich oft gefragt, warum ich nicht wie die meisten anderen Frauen bin. Warum ich mein Glück nicht im Muttersein finde. Vollblut-Mamas und -Papas, die in traditionellen Rollen leben, schreien jetzt wahrscheinlich: ‚Wie kann man so egoistisch sein?!‘ ‚Wer kümmert sich im Alter um dich?‘ ‚Dann darfst du später auch keine Rente beziehen, weil du den Generationenvertrag nicht erfüllst!‘ Aber ist es wirklich egoistisch, die Strapazen einer Schwangerschaft und Geburt nicht auf sich nehmen zu wollen? Ist es egoistisch, viele Jahre des eigenen Lebens nicht fast ausschließlich einem Kind zu schenken?

Eine Schwangerschaft und die Geburt wird immer hingestellt als etwas ganz Normales, was man im Leben der Frau halt einfach so macht. Wie der Schulabschluss oder die Führerscheinprüfung. Das muss halt sein. Macht jeder. Bei den Geburtsschmerzen soll man sich bitte nicht so anstellen. Eventuelle Dammrisse und Kaiserschnitte muss man in Kauf nehmen – dass darunter betroffene Frauen oft ein Leben lang leiden, interessiert niemanden. Als Frau soll man funktionieren. Gleichzeitig muss die moderne Frau während der Schwangerschaft auch möglichst schlank und sportlich bleiben. Baby versorgen, Haushalt auf Vordermann bringen, frische Bio-Mahlzeiten kochen, mit Baby im Kinderwagen durch den Park joggen. Schließlich muss der Bauch schnell wieder flach sein. Nach dem Mutterschutz geht sie möglichst gleich wieder arbeiten, soll Karriere machen. Stets gut gelaunt, immer top gestylt. Alles eine Frage der Organisation.

Eine Frau mit langen blonden Haaren steht auf dem Feldweg, schwarz gekleidet, mit zwei Hunden an der Leine mit rosa Geschirr. Der eine Hund ist klein und beige und weiß farbig, der andere Hund größer und dunkelbraun.

Das ist die gesellschaftliche Erwartung. Für mich ein absoluter Albtraum. Ich möchte nicht meine Träume, Gesundheit und Zeit einem anderen Menschen opfern. Und ja, meine Rente steht mir genauso zu wie jedem anderen, der arbeitet und einzahlt. Ich zahle sogar viel mehr ein – keine Elternzeit, kein Mutterschutz. Die Krankenkasse macht an mir ein Plus: keine Schwangerschaftsvorsorge, keine Geburtskosten. Ich leiste aber weiterhin dieselben Beiträge wie auch Frauen, die nicht sterilisiert sind oder Kinder haben. Die Sterilisation war für mich die logische Konsequenz. Jeden Monat, in dem meine Periode zu spät kam, hatte ich extreme Angst, trotz Verhütung schwanger geworden zu sein. Die Schwangerschaft wäre für mich eine Katastrophe gewesen. Die Vorstellung, dass etwas in mir heranwächst, ist für mich irgendwie gruselig.

Natürlich gibt es die Möglichkeit der Abtreibung in so einem Fall, aber selbst in Deutschland bekommt man dafür erstmal einige Hürden in den Weg gelegt. Das verpflichtende Schwangerschaftskonflikt-Gespräch, die dreitägige Bedenkzeit und dann lehnen es einige Krankenhäuser auch durchaus ab eine Abtreibung durchzuführen. Ganz abgesehen von der gesellschaftlichen Ächtung.

Ich wollte diese Angst nicht mehr in meinem Leben haben. Ich wollte eine nahezu hundertprozentige Sicherheit. So bin ich auf das Thema Sterilisation gestoßen und habe mich beim Verein Selbstbestimmt steril e.V. informiert. Kurz vor meinem 30. Geburtstag stellte ich die erste Anfrage bei einer Praxis. Die Reaktionen waren verletzend. Ich wurde gefragt, warum ich keinen Frauenarzt habe, wer meine Krebsvorsorgeuntersuchungen durchführt und ob ich eine Bescheinigung vorlegen könne, dass ich diesen Wunsch schon länger hege.

Ich war in meinem Leben genau zweimal beim Frauenarzt – beide Male aus medizinischer Notwendigkeit wegen starker Schmerzen. Die Vorstellung, jährlich eine intime Untersuchung über mich ergehen lassen zu müssen, empfinde ich nicht als selbstverständlich. Männer müssen auch nicht jährlich intime Untersuchungen über sich ergehen lassen. Dennoch gilt es bei Frauen als Pflicht. Für eine Sterilisation sollte ich eine ärztliche Bescheinigung vorlegen, dass ich psychisch gesund bin. Gleichzeitig darf jede psychisch instabile Person Kinder bekommen. Dieser Widerspruch hat mich sprachlos gemacht. Nach intensiver Suche fand ich schließlich eine Klinik, die meine Entscheidung respektierte. Ohne moralische Belehrung, ohne sechsmonatige Bedenkzeit und ohne Gutachten. Der Eingriff wurde wenige Tage nach meiner Anfrage durchgeführt. Seitdem hat sich mein Leben spürbar verändert.

Die ständige Angst ist verschwunden. Die Intimität mit meinem Partner fühlt sich jetzt frei an. Das Thema Familienplanung existiert nicht mehr als Fragezeichen in meinem Kopf. Es ist abgeschlossen. Ich lebe allein und genieße meinen Freiraum. Mein Partner möchte ebenfalls keine Kinder. Für mich ist es essenziell, dieses Thema früh zu klären, denn hier gibt es keinen Kompromiss. Wenn ein Partner oder eine Partnerin Kinder will und der oder die andere nicht, wird immer jemand seine Lebensplanung aufgeben müssen. Mein Leben ist ausgefüllt. Mein Beruf, meine nebenberufliche Ausbildung, meine geplante Selbstständigkeit, mein Haus, meine Tiere, meine Freundschaften. Ich mache viel Sport. Ich habe Reisen geplant. Vielleicht werde ich eines Tages auswandern. All das mache ich nicht abhängig von einer Partnerschaft. Ich habe keine Angst vor dem Alleinsein. Ich glaube, wir haben mehrere Leben. Vielleicht hatte ich in einem anderen Leben viele Kinder, für die ich gesorgt habe.

Doch dieses Leben hier ist nur für mich und in diesem Leben habe ich keine.

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Ich habe auf diesen magischen Schalter gewartet – er kam nie.