Das legt sich mit dem Alter – tat es nicht.

Ich bin eine starke Frau, und manchmal wünsche ich mir, auch schwach sein zu dürfen. Ich bin eine Kämpferin. Ohne Abitur oder Studium habe ich Karriere gemacht, oft mit viel Ehrgeiz und einem gehörigen Dickkopf. Und auch privat war nicht jede Entscheidung im Nachhinein die beste, aber ich habe immer meinen eigenen Weg gewählt.

Eine lächelnde Frau mit Brille sitzt auf dem Boden in einem Innenraum und hält einen hellen Hund im Arm. Im Hintergrund sind ein Flur, ein Spiegel und ein Regal mit bunten Flaschen zu sehen. Die Stimmung wirkt warm und nahbar.

Ich bin sehr christlich-konservativ und pietistisch erzogen worden – einerseits. Andererseits war mein Vater derjenige, der sich um den Haushalt kümmerte, während meine Mutter lieber im Wald Bäume fällte. Ich bin die jüngere von zwei Töchtern, und wir sind mit dem Wissen groß geworden, dass unsere Eltern eigentlich fünf Jungen wollten.

Meine Eltern waren für damalige Verhältnisse relativ alt. Meine Mutter war 35, mein Vater 38, als ich geboren wurde. Als Kind habe ich darunter tatsächlich gelitten, und als Jugendliche war für mich deshalb klar, dass ich einmal eine junge Mutter sein wollte. Überhaupt stand für mich nie infrage, Mutter zu werden – das gehörte damals einfach dazu. Es gab bei uns keine schwarz-weißen Aussagen über Mutterschaft oder feste Familienbilder. Da ich ohne Großeltern aufgewachsen bin, habe ich meine Eltern nie als Kinder wahrgenommen oder erlebt, wie sie mit ihren eigenen Müttern umgingen. Und weil bei uns keine klassischen Rollenbilder gelebt wurden, gab es auch keine klassischen Mutterbilder. Trotzdem war immer klar: Irgendwann gründet jeder Mensch eine Familie.

Zwei lachende Menschen im Bett liegend.

Als meine Verlobung 1999 zerbrach – ja, ich wollte mit 21 heiraten –, begann ich erstmals zu hinterfragen, ob ich überhaupt Mutter werden möchte. Als ich später meinen Mann kennenlernte und auch bei ihm kein ausgeprägter Kinderwunsch vorhanden war, setzte ich mich noch bewusster mit dem Thema auseinander und nahm die Vorteile eines Lebens ohne Kinder deutlicher wahr. Dazu zählte für mich auch, mich auf meine Karriere konzentrieren zu können. Aber auch der folgende Gedanke war in mir stark: Was, wenn ich ein Kind bekomme und dann feststelle, dass ich diesen kleinen Menschen gar nicht lieben kann? Was, wenn ich merke, dass ich gewisse Opfer bringen muss, das aber gar nicht möchte? Mit 28 habe ich schließlich geheiratet, und zu diesem Zeitpunkt war für uns klar, dass wir in unserer Ehe keine Kinder haben möchten. Das hat sich sehr befreiend angefühlt. Wir sind sehr offen damit umgegangen in unserem Umfeld, aber nur auf Unverständnis gestoßen. Im christlichen Umfeld gab (und gibt) es diese Entscheidung nicht. Und oft kam die Aussage: „Das legt sich mit dem Alter.“

Die Jahre mit hormoneller Verhütung habe ich als sehr belastend erlebt – körperlich und emotional. Es war ehrlich gesagt schrecklich. Ich habe vieles ausprobiert: Ring, Stäbchen, Pille. Aber statt Sicherheit brachte es vor allem Nebenwirkungen mit sich. Und diese Sorge, trotzdem schwanger werden zu können, war irgendwie immer da. Ein Gefühl von wirklicher Entlastung hat sich nie eingestellt. Vielleicht war der Gedanke an eine Sterilisation deshalb auch nie ganz weit weg. Ich wusste, dass meine Mutter sich nach meiner Geburt hat sterilisieren lassen. Diese Möglichkeit existierte also schon früh irgendwo in meinem Hinterkopf. Als ich Mitte 30 begann, das Thema konkret bei meiner Frauenärztin anzusprechen, wurde ich allerdings direkt ausgebremst. Mit Verweis auf mein Alter wurde mein Wunsch kategorisch abgelehnt. Heute denke ich manchmal auch an die Frage zurück, warum eine Vasektomie für meinen Mann damals keine Option war. Ich habe das ehrlich gesagt ziemlich leichtfertig akzeptiert und nicht weiter hinterfragt. Rückblickend erscheint es mir in einer monogamen Ehe – auch wegen des geringeren Risikos und der niedrigeren Kosten – eigentlich als der logischere Weg. Aber damals habe ich darüber nicht diskutiert.

Ich habe mich lange nicht ernst genommen gefühlt – vor allem dann, wenn es um meinen eigenen Körper und meine Entscheidung ging. Dass ich mich letztlich erst mit 40 sterilisieren lassen konnte, obwohl mein Wunsch schon viel früher da war, sagt eigentlich alles. Und selbst dann geschah es noch unter Protest meiner Frauenärztin. Das hat etwas mit mir gemacht. Wenn Menschen einem immer wieder vermitteln, man könne der eigenen Entscheidung nicht trauen, beginnt man irgendwann selbst daran zu zweifeln. Trotzdem gab es irgendwann diesen stillen Moment in mir, in dem klar wurde: Ich kenne mich selbst gut genug. Ich muss mich nicht ständig umstimmen lassen oder darauf warten, dass andere meine Entscheidung nachvollziehen. Klare Grenzen zu setzen fällt mir bis heute nicht leicht – besonders dann nicht, wenn es um meinen Lebensentwurf oder mein Bedürfnis nach Selbstbestimmung geht. Aber ich bin auf dem Weg. Gerade steht meine Scheidung an, und auch das ist ein wichtiger Schritt – einer, der viel Mut kostet, sich aber gleichzeitig ehrlich anfühlt.

Mein Interesse an Nachhaltigkeit, der Bewahrung der Schöpfung und an Demokratie hat mich dazu geführt, Mitglied bei den Grünen zu werden. Dort habe ich Feminismus in konzentrierter Form erlebt und als sehr positiv erfahren – etwa durch Quotierungen in Ämtern oder sogar in Diskussionen. Ich habe Frauen kennengelernt, die sich seit den 1980er-Jahren dafür einsetzen, dass Selbstbestimmung in allen Lebensbereichen selbstverständlich ist. Durch meine konservative Prägung und das Umfeld, in dem ich mich zuvor bewegt habe, hatte ich diesen Blick lange nicht. Erst dort habe ich verstanden, wie wichtig dieser Kampf war – und ist. Für uns Frauen ist es entscheidend, weiter aktiv an der Erhaltung der Demokratie mitzuwirken – in einer Partei, in der es selbstverständlich ist, dass die Hälfte der Macht den Frauen gehört.

Ich fände es schön, wenn Frauen sich bewusst für (oder eben gegen) Kinder entscheiden würden. Und wenn auch im konservativen Umfeld nicht einfach Frau = Mutter gesetzt wäre. Es gibt etwas, das mich rückblickend beschäftigt: Ich hatte irgendwann den Eindruck, dass mein Körper sich nach der Sterilisation verändert hat. Als Mitte 40 plötzlich starke Gliederschmerzen, Konzentrationsprobleme und Hautausschläge begannen, war ich darauf überhaupt nicht vorbereitet. Erst später habe ich mich gefragt, ob frühe Wechseljahre bei kinderfreien und sterilisierten Frauen häufiger vorkommen könnten. Wissenschaftlich ist das nicht eindeutig belegt – aber ich hätte mir gewünscht, früher mehr über mögliche Veränderungen rund um Hormone, Zyklus und Wechseljahre zu wissen. Was ich außerdem erst spät erfahren habe: welche unterschiedlichen medizinischen Optionen es theoretisch überhaupt gibt. Dass man im Rahmen gynäkologischer Eingriffe auch weitergehende Entscheidungen besprechen könnte – etwa rund um Gebärmutter oder Eierstöcke. Ob ich mich damals anders entschieden hätte? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Aber ich hätte mir gewünscht, die Wahl bewusst zu haben.

Lächeln, glückliche Frau nach oben in den Himmel guckend. Im Hintergrund einen Waldweg zusehen.

Heute spüre ich am stärksten, dass mein Leben genau richtig ist, wenn ich mir erlaube, zur Ruhe zu kommen. Wenn ich für einen Moment die anstehende Scheidung und das qualvolle Sterben meiner Mutter ausblenden kann. Wenn ich Freizeit habe – ohne Ehrenamt, ohne Verpflichtungen, ohne Erwartungen. Dann sitze ich in meiner wunderschönen Wohnung, schaue mich um und genieße, was ich mir aufgebaut habe. Ich lasse mich fallen, treffe Entscheidungen, die ich mit niemandem abstimmen muss. Und in diesen stillen Momenten wird mir etwas ganz klar: So wie ich lebe, bin ich richtig. Oder vielleicht noch mehr: Ich bin wunderbar gemacht.

Weiter
Weiter

Ich liebe meine Kinder so sehr, dass ich sie niemals bekommen werde.