Ich habe auf diesen magischen Schalter gewartet – er kam nie.
Rückblickend kann ich sagen: Es gab nie auch nur einen Funken in mir, der dachte: „Oh ja, Mutter werden und komplett abhängig von einem Kind sein – das wäre was!“ Ich habe nie mit Puppen gespielt, Babys fand ich lange eher seltsam und auch später hat sich dieses Gefühl nie verändert. Ich liebe es, kreativ zu sein, Zeit für mich zu haben und meine Altbauwohnung. Wenn ich eine Sache wirklich gut kann, dann ist es, mir neue Dinge selbst beizubringen. Ich bin so ein kleines Multitalent und sammle Hobbys wie andere Leute Schuhe. Mein Leben fühlt sich voll an – nicht, weil etwas fehlt, sondern weil es genau so ist, wie ich es möchte.
Seit ich mit 15 zum ersten Mal mit Verhütung konfrontiert wurde, war meine Logik ziemlich simpel: Ich mag keine Kinder, also bekomme ich keine. Das war für mich die einzig konsequente Schlussfolgerung. Trotzdem kamen immer wieder die gleichen Sprüche: „Wart mal ab, das kam bei mir auch erst mit Ende 20.“ Oder: „Du bist doch noch jung, das kannst du noch gar nicht wissen.“ Als würde irgendwann auf magische Weise ein Schalter umgelegt werden. Ich habe tatsächlich eine Zeit lang auf diesen Moment gewartet. Er kam nie. Stattdessen wurde meine Ablehnung gegenüber dem Kinderkriegen eher klarer.
Mit Anfang 20 habe ich in einer Funk-Doku zum ersten Mal von der Sterilisation junger Frauen erfahren. Ich habe mich in vielen Erzählungen sofort wiedergefunden. Mir war vorher gar nicht bewusst, dass das für Frauen überhaupt möglich ist – ich dachte immer, so etwas wird nur im absoluten Notfall gemacht. Zu dieser Zeit habe ich, wie so viele Frauen in meinem Alter, noch selbstverständlich die Pille genommen. Und seit ich 16 war, existierte dieser unterschwellige Gedanke: „Fuck, was, wenn ich schwanger bin?“, sobald ich sie nur eine Stunde zu spät eingenommen hatte.
Nach der Doku habe ich mich entschieden, mir zunächst eine Kupferspirale einsetzen zu lassen. Ich wollte wissen, wie sich mein Körper ohne hormonelle Dauerbeeinflussung anfühlt. Meine Gynäkologin ist eher konservativ – im Sinne von „Die Spirale setzen wir ohne Betäubung ein“ – aber sie war immer offen für Gespräche über alle möglichen Verhütungsformen. Das rechne ich ihr sehr hoch an. 28 war das magische Alter, in dem meine Mutter damals mit mir schwanger war und ich davon ausgegangen bin, dass bis dahin irgendwer in meinem Freundeskreis schon ein Kind hat und ich dann feststellen werde, ob das irgendwas mit mir macht. Ich habe mir Zeit gegeben und in dieser Zeit wurde mein Wunsch nach einer Sterilisation nicht schwächer, sondern klarer. Auch die extrem süße Tochter von Freund:innen konnte daran nichts ändern. In Gesprächen mit Freundinnen, die einen sehr starken Kinderwunsch haben, wurde mir eher noch deutlicher, dass ich wirklich keine Kinder bekommen sollte. Unsere Vorstellungen vom Leben unterscheiden sich grundlegend und das ist völlig in Ordnung.
Während ich die Sterilisation konkret plante, habe ich mich innerlich darauf eingestellt, abgewiesen zu werden. Ich war bereit für Diskussionen, für Belehrungen, für dieses typische „Sie sind doch noch so jung“. Umso überraschter war ich, dass jede medizinische Fachkraft, mit der ich Kontakt hatte – meine Gynäkologin, der Operateur, die Pflegekräfte im Krankenhaus, der Anästhesist – respektvoll und interessiert reagierte. Niemand hat mich bevormundet. Der gesamte Prozess vom Erstgespräch bis zur OP dauerte gerade einmal drei Monate. Ich glaube, ich habe wirklich das Best-Case-Szenario erlebt.
Die OP selbst war unspektakulär. Davor, währenddessen und danach. Ich hatte keinerlei Angst und fühlte mich gut aufgeklärt. Vielleicht lag es daran, dass ich mir über meine Entscheidung so lange sicher war. Es gab keinen dramatischen Aha-Moment danach. Kein großes emotionales Feuerwerk. Ich war einfach nur glücklich, dass es erledigt war. In den Monaten danach habe ich allerdings gemerkt, dass sich etwas verschoben hat. Ich bin mehr im Reinen mit mir. Das Thema Schwangerschaft löst keine Panik mehr aus. Diese permanente Angst im Hinterkopf ist verschwunden. Ich gehe in meinem Freundes- und Familienkreis sehr offen mit meiner Sterilisation um. Viele fragen interessiert nach meinen Motiven und dem Ablauf. Niemand hat meine Entscheidung schlecht geredet. Ich bin unglaublich dankbar für dieses offene Umfeld.
Wenn andere Frauen mit einer Sterilisation zögern, weil sie sich unsicher sind, ob sie vielleicht doch irgendwann eigene Kinder möchten, dann würde ich ihnen sagen, dass sie es lieber lassen sollten. Es ist ein zu erheblicher Eingriff und sie sollten sich zu hundert Prozent sicher sein.
Ich habe nie auf einen magischen Moment gewartet. Ich habe mir einfach selbst vertraut.